Stand: April 2020

Person

Der 1963 in Vietnam geborene Nguyễn Văn Tú kam 1987 als Vertragsarbeiter in die DDR und arbeitete bis zum November 1990 im VEB Gummikombinat in Waltershausen (Tühringen). Wie viele andere verlor auch er nach der Wende seinen Arbeitsplatz und zog in ein Wohnheim in die Gehrenseestraße in Ost-Berlin. Nguyễn Văn Tú war nicht verheiratet, hinterließ aber in Vietnam seine Familie (Eltern und Geschwister), welcher er mit seinem Gehalt und später Arbeitslosenhilfe unterstützte.

Die Tat

Am 24. April 1992 begleitete Văn Tú seinen Freund Liem Le Duc zum Browdowiner Ring, der hier Zigaretten verkaufen wollte.
Gegen 17:30 Uhr betraten der damals 21 jährige Täter, Mike Lillge, mit 3 seiner Freunde den Platz. Alle 4 waren zu diesem Zeitpunkt schon stark angetrunken und wollten sich beim “ALDI” auf dem Platz Nachschub besorgen. Unvermittelt und ohne jeden Anlass trat Lillge die Kartons um, auf denen Le Duc und weitere ihre Waren präsentierten. Die Attackierten räumten ohne Kommentare ihre Waren zusammen und zogen einige Meter weiter. Zeug*innen berichteten später davon, dass Lillge bereits zu diesem Zeitpunkt ein Messer in der Hand hielt.
Nach dem Einkauf trat Mike Lillge wiederholt spontan gegen die Verkaufskartons, woraufhin ihn Nguyễn Văn Tú zur Rede stellen wollte und fragte, “warum er so etwas tue”.
Lillge und seine 3 Begleiter versammelten sich daraufhin in der Nähe des „ALDI“s. Einer von ihnen, Daniel Birkefeld, wurde losgeschickt, um Verstärkung zu holen. Sie ahnten, dass es Stress geben könnte.
Zu diesem Zeitpunkt gingen Nguyễn Văn Tú und 4 weitere Händler zu Lillge und seinen Kumpel, um sie mit der Tat zu konfrontieren.
Es kam zu einer verbalen Auseinandersetzung, bei der Văn Tú Lillge an die Schulter griff. Nach weiterer Diskussion, Văn Tú stand zu dem Zeitpunkt einen knappen Meter entfernt, zog Mike Lillge sein Butterflymesser, welches er immer bei sich hatte, und stach ihm das Messer in die Seite. Daraufhin flüchteten Lillge und sein Kumpel in Richtung der Wohnung seines Freundes. Auf dem Weg traf er Daniel Birkefeld. Er hatte einen weiteren Freund als Verstärkung geholt. Sie waren mit Knüppeln bewaffnet. Lillge, Birkefeld und ihre Freunde gingen daraufhin zurück zum Tatort. Vor Ort sahen sie aber schon die Polizei und blieben deshalb auf Abstand.
Nguyễn Văn Tú brach nach dem Messerangriff bewusstlos zusammen. Sein Freund Le Duc und ein weiterer Händler fuhren ihn sofort in die Poliklinik nach Hellersdorf. Von dort aus wurde er sofort ins Krankenhaus in Friedrichshain verlegt, wo er kurze Zeit später an den Verletzungen verstarb.

Gerichtsverhandlung

Ein halbes Jahr nach der Tat kam es zur Verhandlung, bei der Mike Lillge zu 4 Jahre und 6 Monate Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt wurde. Er gestand den Tathergang und gab an Anhänger der extrem rechten Kleinpatei DVU zu sein, weil “diese die einzige rechte Partei sei, die etwas gegen Ausländer unternehme…”.
Die Tat wurde recht schnell auch in der der offiziellen Statistik für Opfer rechter Gewalt aufgenommen.

Täter

Mike Lillge war zum Tatzeitpunkt 21 Jahre alt und frisch von seinem Job gekündigt. Seine Freizeit verbrachte er mit Freunden und Alkohol trinken. Zu seinen Freunden, die auch bei der Tat anwesend waren, zählen Uwe Klebe, Mike Bluschke, Sven Angelo und Daniel Birkefeld.
Daniel Birkefeld war zum Zeitpunkt des tödlichen Stichs von Lillge zwar nicht anwesend, aber dennoch zu einem rassistischen Angriff bereit. Dies zeigt sich darin, dass er zum Tatzeitpunkt Verstärkung holen war. Mit Knüppel bewaffnet begab er sich mit dem Täter und Freunden zurück zum Tatort.
Seit 2016 sitz Birkefeldt in der Marzahn-Hellersdorfer BVV als Bezirksabgeordneter der AfD-Fraktion. Seine rassistische Gesinnung hat sich nie geändert. Seine Themen auf den eigenen Social-Media-Profilen wie Twitter und Facebook beziehen sich zumeist auf rassistische Diskurse. In altbekannter Manier hetzt er gegen Asylsuchende oder verharmlost rassistische Gewalttaten wie in Hanau. Seine Freundesliste bei Facebook besteht aus AfD-Anhängern, NeoNazis und Verschwörungstheoretikern. Dass er in den Jahren vor seiner Funktion in der Marzahn-Hellersdorfer AfD-Fraktion nicht in rechten Kreisen zu sehen war, liegt möglicherweise an seinen erlittenen Schlaganfall und den daraus resultierenden Folgen.

Gedenken

Am Sonntag nach der Tat demonstrierten ca. 300 Antifaschist*innen durch Marzahn. Einen weiteren Aufruf von Freund*innen von Nguyễn Văn Tú folgten am folgenden Donnerstag 150 Personen.
Am 3, Mai 1992 rief die »Vereinigung der Vietnamesen in Berlin« zu einer Demo auf, an der sich um die 2000 Menschen beteiligten.
Kurz nach der Tat brachten Antifaschist*innen eine Gedenktafel am Tatort an. Diese Tafel wurde mehrmals beschädigt und am Ende gestohlen.

Aktuelle Beiträge

  • Gedenktour durch Marzahn – Nguyễn Văn Tú (24.04.2020) – Anlässlich des 28. Todestages von Nguyễn Văn Tú, gab es heute eine kleine Radtour zu mehreren Orten des Gedenkens. Nguyễn Văn Tú wurde am 24. April 1992 am Brodowiner Ring von einem bekennenden DVU Anhäger aus rassitsichen Motiven niedergestochen. Erster Stopp war das erste befreite Haus von Berlin, an der Landsberger Allee 563. Die Rote Armee erreicht in der Nacht vom 21. zum 22. April 1945 über die Landsberger Allee die Berliner Stadtgrenze und hisste hier die erste rote Fahne. Durch Corona war das Gedenken dezentral organisiert, was gut genutzt… (Weiterlesen…)

Aufrufe | Demos / Kundgebungen | Aktionen | Veranstaltungen | Presseberichte | Pressemitteilungen