Nguyễn Tấn Dũng wurde am 30. Dezember 1988 in Long an, in Vietnam geboren. Über sein Leben ist uns leider nur wenig bekannt. Aus Gesprächen und Akten konnten jedoch mehr über ihn erfahren. Tấn Dũng reiste anfang Februar 2007 über Russland und weitere Drittländer nach Deutschland um einen Asylantrag zu stellen. Er hatte gehört, dass es in Deutschland Freiheit gebe und die Menschenrechte geachtet würden. Zudem wurde ihm auch vor seiner Ausreise nach Deutschland ein Job Angeboten. Zur Zeit der Tat wohnte er in einer Geflüchtetenunterkunft in Spandau und hielt sich häufig am Dong Xuan-Center in Berlin-Lichtenberg auf. Weitere Informationen sind uns leider nicht bekannt. Falls sich Bekannte oder Verwandte finden, würden wir uns über einen Kontakt freuen.

 

Die Tat
Am 5. August 2008 sprach der weiße deutsche Tino Wartenberg Nguyễn Tấn Dũng an, da er ihn für den Verkauf unversteuerter Zigaretten verantwortlich machte. Er bedrohte ihn und forderte ihn auf den Platz zu verlassen.
Am 6. August traf der Täter erneut auf ihn. W. rief darauf direkt die Polizei und bot gegenüber dem Notruf an, Tấn Dũng fest zu halten („Regelt ihr das oder muss ich das selbst erledigen?“ Zitat Notruf Mitschnitt, aus späteren Prozess), was der Polizeibeamte am anderen Ende bestätigte. Nach dem Telefonat versuchte W. Tấn Dũng fest zu halten, was dieser abwerte und versuchte weg zu laufen.
Wartenberg wertete die Abwehr, laut Aktenlage aufgrund seiner schizophrenen Störung, als einen Angriff und zog daraufhin sein Messer. Er stach Tấn Dũng in den Brustbereich, worauf hin dieser direkt zu Boden ging. Laut Aussage im Prozess erschrak Tino Wartenberg, angesichts seiner Tat, kniete sich neben Tấn Dũng und rief „Hilfe, der stirbt mir weg“. Mehrere Zeug*innen wurden dadurch auf die Tat aufmerksam, kamen näher, woraufhin Wartenberg flüchtete. Einige Zeug*innen nahmen die Verfolgung auf, ließen aber nach wenigen Metern davon ab. Der Täter flüchtete in seine Wohnung und verständigte mehrmals die Polizei, die ihn dann dort verhaftete.
Nguyễn Tấn Dũng musste noch vor Ort Reanimiert werden und ins nahegelegene Unfallkrankenhaus Berlin gebracht werden, wo er trotz einer sofortigen Notoperation aufgrund des hohen Blutverlustes starb.

 

Gerichtsverhandlung
Ein knappes Jahr nach der Tat begann das Gerichtsverfahren, in welchem Wartenberg gestand auf Nguyễn Tấn Dũng eingestochen zu haben, dies aber weiterhin als Notwehr einordnete.
Wartenberg wurde vom Gericht als nicht schuldfähig eingestuft, freigesprochen und seine Unterbringung in einem psychatrischen Krankenhaus angeordnet.

 

Täter
Tino Wartenberg war zur Tatzeit 35 Jahre alt. In seiner Kindheit wurde er zweimal wegen agressiven Verhaltens in einer Kinder- und Jugendpsychatrischen Einrichtung behandelt. Ausbildung und diverse andere Tätigkeiten brach er immer wieder, zum Teil wegen diversen Drogenkonsums, ab. Im Rahmen eines stationären Kokainentzuges wurde 1995 bei Wartenberg eine schizophrene Erkrankung diagnostiziert. Seit dem wohnte er, wenn er nicht gerade in stationärer Behandlung war, in einer therapeutischen Wohngemeinschaft, bei der er aufgrund seines hohen Cannabiskonsum raus flog.
Durch seine paranoide Schizophrenie und dem starken Drogenkonsum verhielt sich Wartenberg gegenüber seinen Mitmenschen immer wieder sehr bedrohlich. So griff er unter anderem seine Mutter an oder die herbeigerufenen Polizeibeamt*innen. Er beleidigte und bedrohte zudem mehrfach Nachbar*innen und schlug beispielsweise ein Loch in die Wand zu einer Nachbarin.

 

Unsere Einschätzung
Durch die Erkrankung von Tino Wartenberg wird die Tat vom Gericht nicht politisch eingeordnet. Wir werten die Tat dennoch als rassistischen Mord. Wir hinterfragen die eindeutige Haltung des Gerichts, Wartenbergs Tat als unpolitisch einzustufen, da er psychisch krank war. Es traf nicht zufällig Nguyễn Tấn Dũng, vielmehr griff Wartenberg ihn gezielt an, da er in sein rassistisches Feindbild angeblich mafiöser Zigarettebverkäufer passte.
Wartenberg war kein organisierter Neonazi, aber vertrat eindeutig rassistische Positionen, vor allem gegenüber Menschen die er als „Vietnames*innen wahrnahm. So äußerte er sich im Vorfeld immer wieder gegenüber von Freund*innen abwertend über Vietnames*innen: “dass „diese Fidschis” endlich verschwinden sollen“ und kündigte mehrfach an, „selbst etwas dagegen zu unternehmen, wenn die Behörden schon nichts tun würden“.
Die Grundstimmung damals wie heute war und ist geprägt von alltäglichen Rassismus gegen Vietnames*innen und andere nicht weiß-deutsch-gelesenen Menschen. Täter wie Wartenberg sehen sich durch die allgegenwärtige rassistische Hetze in Medien und durch rechte Parteien ermächtigt den Worten Taten folgen zu lassen. Aus rassistischen Hass wird so rassistische Gewalt, die diejenigen trifft die durch Kriminialisierung und Racial Profiling ohnehin schon tagtäglich angefeindet werden.
Das verstärkt das Gefühl „was dagegen tun zu müssen“ und wird zum Teil mit problematischen Kampagnen wie 2015 vom Tabakgiganten „Philip Morris“ verstärkt. Hier wurde mit Slogans wie: „Logisch rauche ich für den Terrorismus“ oder „Natürlich rauche ich Rattenkot“ geworben. Dass es bei den hohlen Slogans nicht wirklich um Terrorismus oder die Gesundheit von Raucher*innen geht, ist offensichtlich. Es ist der indirekte Aufruf zum Kauf versteuerter Zigaretten und zur Denunziation „illegaler“ Zigarettenhändler*innen. So wird prekatisierten und illegalisierten Menschen, die aus Not zum Verkauf unversteuerter Zigaretten gezwungen sind unterstellt, sie würden bewusst Menschenleben gefährden und für schwere Verbrechen verantwortlich sein.

 

Gedenken

Presse

Stand 06.08.2020