Kurt Schneider

Stand: 31.01.2020

Person

Kurt Schneider wurde 1961 in Königs Wusterhausen geboren. Er lernte den Maurerberuf und war im Anschluss einige Zeit in diesem tätig. Bis 1994 lebte er bei seiner Mutter in einer Kleinstadt in Brandenburg, dann zog er nach Berlin. Erst seit kurzem wohnte er in Lichtenberg. Bilder von ihm oder Kontakt zu Freund:innen oder Angehörigen kennen wir aus diesem Grund leider nicht. Falls Sie Kurt Schneider kannten wären wir sehr dankbar, wenn sie mit uns in Kontakt treten, damit wir hier seiner Person würdig gedenken können.

Tat

In der Nacht zum 6. Oktober 1999 wurde Kurt Schneider von einer Gruppe Neonazis ermordet.
Sie wurden bei ihrer Abendtour mit dem Ausgangsort „Café Germania“, einer der vielen Neonaziskeipen des Berlins der 90er Jahre, auf den 38-Jährigen aufmerksam. Bereits zuvor hatte die Gruppe Passant:innen attackiert und wurde dabei beobachtet, wie sie den Hitlergruß machten. Die Neonazis forderten von Kurt Schneider Geld, traktierten ihn mit Schlägen und Tritten und ließen ihn schwer verletzt im ehemaligen Urnenhain am Hoenerweg liegen. Wenig später kamen sie zurück und töteten ihn mit einem mitgebrachten Messer, sowie Tritten gegen Kopf und Körper. Die Neonazis waren teilweise einschlägig vorbestraft und rechneten sich den sogenannten „Hammerskins″ zu.

Ermittlungen/Gerichtlicher Prozess

Vier Neonazis wurden am nächsten Tag in einer Wohnung im Hoenerweg festgenommen. Verraten hatte sie eine Spur von Blut und Bierflaschen, die vom Tatort direkt zur Wohnung einer der Täter führte, sowie die Mordwaffe, die aus dem Fenster in den Innenhof geworfen wurde.
Ein politischer Hintergrund der Tat wurde ausgeschlossen und ein Raubmord im „Trinkermilieu“ vermutet. Eigenen Angaben zufolge zählen sich alle vier zu der in Deutschland verbotenen militanten Neonaziorganisation Hammerskins. Das Landgericht Berlin verurteilt im April 2000 die beiden 23-jährigen Täter zu lebenslangen Freiheitsstrafen. Die beiden anderen Angeklagten, 18 und 19 Jahre alt, werden nach Jugendstrafrecht zu acht beziehungsweise achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Obwohl der vorsitzende Richter auf die rechte Gesinnung der Täter verweist, sieht er kein rechtsextremes Motiv und so wurde der Fall bis 2018 nicht als rechter Mord kategorisiert. Dank der Wissenschaftler:innen des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, wurde u. a. Kurt Schneider 2018 als Todesopfer rechter Gewalt nachgemeldet.

Täter:innen

Manuel Sandmann, geb. 1976 in Berlin, zur Tatzeit 23 Jahre alt

Michael Voigt, geb. 1977 in Berlin, zur Tatzeit 22 Jahre alt

Carsten Ufer, geb. 1981 in Potsdam, zur Tatzeit 18 Jahre alt

Björn Oberjartel, geb. 1982 in Berlin, zur Tatzeit 17 Jahre alt

Ob die Gruppe tatsächlich in Hammerskin-Strukturen eingebunden war, bleibt offen: Der Hammerskin-Hintergrund wurde von Polizei und Staatsanwaltschaft nicht systematisch untersucht. Die Polizei beschlagnahmt ein „Hammerskin Nation“-T-Shirt. Diese wird ausgerechnet Manuel Sandmann zugeordnet, der laut Urteil den Hammerskins nicht angehören soll. Carsten Ufer äußert gegenüber dem Gutachter: „Es habe mal geheißen, der sei früher einer gewesen.“
Sandmann soll jedoch aus dem Umfeld der „Kameradschaft Spreewacht“ stammen, nach eigenen Angaben war er Gründer der Berliner Kameradschaft 14/88 sowie einer Neonaziband.

Reaktionen

Für Berlins ehemaligen Innensenator Frank Henkel handelt es sich bei der Tat nicht um ein Tötungsdelikt des Phänomenbereiches PMK-rechts, da es sich lediglich um eine „Verdeckungstat“ handle, um den zuvor begangenen Raub zu vertuschen. Wenn tödliche Attacken auf Sozialhilfeempfänger als Raubüberfälle getarnt werden, müssen sie als das behandelt werden, was sie sind: Rechtsextrem motivierte Morde. Im Gegensatz zu dem, was Rechte oft suggerieren – dem Einstehen für sozial schwache „Deutsche″ – steht die rechte Ideologie für Sozialdarwinismus. Menschen, die keine Arbeit haben und Sozialhilfe empfangen, gelten als „asozial“ und „minderwertig“. Der ideologische Kontext darf gerade nicht ignoriert werden, begründet sich doch hier die exzessive Gewalt gegen sozial schwächer gestellte Menschen.

Ort

Das „Café Germania“ wurde 1999 aufgrund von Protesten geschlossen, heute befindet sich dort ein kleines Bistro. Der Ort, an dem sich der Mord zutrag, der ehemalige Urnenhain am Hoenerweg, ist nicht weit entfernt vom Rathaus Lichtenberg und heute ungepflegt und zugewuchert. Einige wenige Graffiti erinnern seit dem Vortag der letzten Gedenkkundgebung an Kurt Schneider.
Die Stattbau GmbH lud 2016 zu einem Beteiligungsverfahren für die Neugestaltung der des Geländes ein, damit „die Grünfläche behutsam zu einem Spiel- und Erfahrungsraum entwickelt werden [soll]“. Nachbar:innen und Interessierte sollten bei der Gestaltung Wünsche & Ideen einbringen. Aufgrund mangelnder Kapazitäten wurde beschlossen, das Projekt zunächst ruhen zu lassen. 2020 soll es erneut öffentliche Veranstaltung zum Thema geben und gemeinsam mit den Bürger:innen entschieden werden, was dort geschehen soll.

Gedenken

2019 gab es im Rahmen des 20ten Todestages von Kurt Schneider und der Neukategorisierung des Mordfalls im Vorjahr das erste mal eine Gedenkkundgebung zur Erinnerung an Kurt Schneider. Veranstaltet wurde diese von der Antifaschistischen Vernetzung Lichtenberg, die auch angekündigt hat in Zukunft für das Gedenken sowie für die Errichtung einer Gedenkstätte am ehemaligen Urnenhain zu sorgen.

Artikel zum Gedenken 2019 im nd

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