Wir wissen bis jetzt leider nicht viel über Ingo Binsch, außer dass er 1965 in Altlandsberg, in der Nähe von Berlin, geboren wird und eine jüngere Schwester hat. Um die 2000er kommt Binsch mit der geschiedenen Ursula Buß zusammen und hält sich des Öfteren in ihrer Wohnung, in der Zossener Str. in Berlin Hellersdorf, auf. Hier findet auch die tödliche Tat statt.
Über weitere Infos zu Ingo Binsch oder Kontakt zu Freund*innen und Verwandten würden wir uns sehr freuen. Schreibt uns gerne an niemandistvergessen@riseup.net

Zum Teil sind uns die Klarnamen der beteiligten Personen bekannt, zum Teil leider noch nicht.
Daher greifen wir zur Verständlichkeit des Textes hier die Täter vor und gehen später nochmals im Detail darauf ein:
Marcel Buß ist der Sohn von Ursula Buß und gilt als Initiator der Tat.
Den Namen seines Halbbruders kennen wir nicht und nutzen daher den in der TU-Studie verwendeten Alias:  „Jacob Leichsner“.
Den Namen des dritten Täters, einem Freund der beiden Halbbrüder, konnten wir bis jetzt auch nicht recherchieren und verwenden auch den Alias: „Carsten Gürtler“.

Die Tat
Am Nachmittag des 5. November 2001 treffen sich die Halbbrüder Marcel Buß und Jacob Leißner sowie ein Freund der beiden, Carsten Gürtler, zum Trinken in der Wohnung von Marcel Buß in Berlin Hellersdorf. Hier wird Bier und Schnaps konsumiert und später in eine nahe gelegenen Kneipe umgezogen, um dort weiter zu trinken und über Belanglosigkeiten zu sprechen. Im Laufe der Gespräche kommt das Thema auf den neuen Freund ihrer Mutter, Ingo Binsch. Sie behaupten, dass Binsch Alkoholiker sei, Ursula Buß schlagen würde und zudem Leichsner noch 40,-DM schulden würde.
Marcel Buß schlägt darauf hin vor ihre Mutter zu besuchen und Binsch auf die Vorwürfe anzusprechen und die Schulden einzufordern.
Gegen 21.30 Uhr treffen die drei am nahegelegenen Wohnhaus von Ursula Buß ein und gehen nach dem Öffnen der Tür grußlos gezielt auf Ingo Binsch zu. Marcel Buß macht Ingo Binsch lautstark Vorwürfe und schlägt diesem, als er nicht reagiert, mehrfach ins Gesicht. Jacob Leichsner verlangt währenddessen die Rückzahlung der 40,- DM und schlägt auch auf Binsch ein. Carsten Gürtler fixiert Ingo Binsch während der Schläge.
Ursula Buß und ihre Tochter Maria beobachten das Ganze und drohen damit die Polizei zu alarmieren. Daraufhin lassen die drei von Binsch ab, verlassen gegen 21.45 Uhr fluchtartig die Wohnung, kehren in eine nahegelegene Kneipe ein und trinken dort weiter.

Kurz nachdem die drei Täter die Wohnung verlassen haben, klagt Ingo Binsch über Schmerzen und Übelkeit. Ursula Buß ruft daraufhin einen Notarzt, der zeitnah eintrifft und bei Binsch einen Herz-Kreislauf-Stillstand feststellt. Nachdem Wiederbelebungsmaßnahmen erfolglos bleiben, wird gegen 23:30 Uhr der Tod festgestellt. Infolge der massiven Schläge, erlitt Ingo Binsch einen Herzinfarkt, dem er erlag.

Ermittlungen und Gerichtsverhandlung
Es wird schnell ermittelt, die politischen Hintergründe der Täter sind bekannt, werden aber nicht bei der Klassifizierung der Tat berücksichtigt. Auch in der Anklageschrift wird auf das rechte Weltbild nicht eingegangen. Bei der Urteilsverkündung am 16. Mai 2002 werden zwar die Vorstrafen der Täter erwähnt und der politische Hintergrund beleuchtet, ein Bezug zur Tat findet aber auch im Urteil nicht statt.

Marcel Buß (zur Tatzeit 24) wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge, in Tateinheit mit versuchter Nötigung zu 5 Jahren und 6 Monaten verurteilt.
Jacob Leichsner (zur Tatzeit 22) wird wegen den selben Vorwürfen zu 6 Jahren und 6 Monate verurteilt, Carsten  Gürtler (zur Tatzeit 22) wird lediglich wegen „vorsätzlichen Vollrausches“ zu 3 ½  Jahre verurteilt.

Täter
Marcel Buß wird 1977 in Berlin geboren und wächst in einem Kinderheim auf. Nach dem Abschluss der Schule beginnt er eine Ausbildung zum Maler und Lackierer, welche er aber abbricht und sich lieber mit Freunden aus der lokalen Neonaziszene zum Trinken trifft. Er selbst gehört auch zur rechten Szene in Hellersdorf. Gegen ihn liefen 1998 und 1999 zwei Verfahren wegen gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung. Er gilt als Initiator der Tat gegen Ingo Binsch

Jacob Leichsner wird 1979, als Halbbruder von Marcel Buß, in Berlin geboren. Bis zum dritten Lebensjahr lebt er bei der Mutter, kommt dann aber auch ins Heim. 1986 wird er adoptiert und nimmt den Familiennamen Leichsner an. Die Verhältnisse in der Adoptivfamilie sind teilweise so schwierig, dass er 1994 zurück zur Mutter Ursula Buß kommt.
Nach dem Abbruch der Realschule beginnt er eine Gärtnerlehre, welche er auch abbricht. Er lebt von Sozialhilfe, verliert seine Wohnung und lebt zeitweise bei Marcel Buß in der Wohnung.
Auch er ist seit spätestens 1997 Teil der rechten Szene in Hellersdorf und wird mehrfach durch Volksverhetzung und Verwendung von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen auffällig.

Carsten Gürtler wird 1979 in Berlin geboren. Nach der Schule beginnt er eine Lehre zum Koch und zum Maler, die er beide abbricht. Gürtler ist auch Teil der rechten Szene und mehrfach auffällig.

Alle drei Täter sind vor der tödlichen Tat mehrfach gewalttätig aufgefallen. Immer waren sie in einer größeren Gruppe unterwegs und angetrunken. Ihre Opfer eint, dass sie aus der Sicht der Täter als „schwach“ galten. Es werden nicht-weiße Menschen gejagt, Frauen geschlagen oder sogar Jugendliche, zum Teil erst 13 jährige Kinder, angegangen.
Mehrfach werden betroffenen Personen mit Springerstiefeln gegen den Kopf getreten und mit Flaschen beworfen. 1997 – 1999 wurden so viele Menschen von den drei Tätern schwer verletzt.
Die Gewaltausübung der neonazistischen Clique wurde immer regelmäßiger zielloser und gewalttätiger. Das es hier früher oder später zu Schlimmerem kommen musste, war nur eine Frage der Zeit. Am 5. November 2001 traf es Ingo Binsch.

Gedenken
Lange Zeit lief der Fall Ingo Binsch unter dem Radar. Er war bis 2018 zwar als Berliner Opfer rechter Gewalt bekannt, es fehlten aber viele Infos wie Todesort und mehr. Diese Infos kamen durch die Studie der TU-Berlin zu Tage. Seitdem wird der Fall auch in der offiziellen Statistik geführt.
Zum 20. Todestag haben Aktivist*innen 2021 in der Zossenerstr. eine Gedenktafel für Ingo Binsch angebracht.